2. Juli 2026 · Morten Babakhani
Der naheliegende KI-Anwendungsfall in HR ist die Auskunft: Beschäftigte fragen, ein Assistent antwortet aus Betriebsvereinbarungen, Tarifverträgen und internen Richtlinien. Technisch heißt das Retrieval-Augmented Generation — das Modell antwortet nicht aus dem Gedächtnis, sondern aus gefundenen Textstellen.
Das funktioniert. Nur nicht so einfach, wie es in Demonstrationen aussieht.
Wo es hilft
Bei Fragen, deren Antwort in einem Dokument steht und die viele Menschen stellen. Urlaubsansprüche, Fristen für Anträge, Regeln zur Reisekostenabrechnung, Zuständigkeiten. Das sind Anfragen, die heute im HR-Service Zeit binden und in denen ein Verweis auf die Quelle die Antwort ist.
Der Nutzen liegt weniger in der Formulierung als im Finden. Wer je versucht hat, in vierzig Betriebsvereinbarungen aus fünfzehn Jahren die geltende Fassung zu finden, kennt das Problem.
Wo es täuscht
Wenn mehrere Fassungen existieren. Genau das ist in HR der Normalfall. Eine Betriebsvereinbarung von 2018, eine Ergänzung von 2022, eine Ablösung von 2025. Findet das System die alte Fassung, ist die Antwort plausibel formuliert und falsch. Das ist schlimmer als keine Antwort.
Wenn Geltungsbereiche unterschiedlich sind. Was für den Standort A gilt, gilt für Standort B nicht. Ohne den Geltungsbereich als Metadatum kann kein Retrieval das unterscheiden.
Wenn die Frage eine Auslegung verlangt. „Steht mir Sonderurlaub zu?” ist keine Auskunftsfrage, sondern eine Einzelfallprüfung. Ein Assistent, der darauf antwortet, erzeugt eine Erwartung, die das Unternehmen nicht erfüllen muss — und einen Streit, der teurer ist als die eingesparte Auskunft.
Was ein tragfähiger Aufbau braucht
Erstens: Metadaten je Dokument — Fassung, Gültigkeit von, Gültigkeit bis, Geltungsbereich, Status. Diese Angaben sind die eigentliche Arbeit, nicht das Modell. Ohne sie ist jede Antwort Zufall.
Zweitens: eine Quellenangabe in jeder Antwort, mit Fassung und Datum. Menschen prüfen Antworten, wenn sie es können, und diese Prüfung ist Ihre Absicherung.
Drittens: eine benannte Grenze. Fragen zu Einzelfällen, Krankheit, Kündigung, Konflikten leitet der Assistent an einen Menschen weiter — ohne eigene Antwort. Diese Grenze gehört in die Systemvorgabe und in die Betriebsvereinbarung.
Viertens: Auswertung der gestellten Fragen. Nicht wer gefragt hat, sondern was gefragt wurde. Diese Liste sagt Ihnen, welche Regelung unklar formuliert ist.
Die Antwortqualität, die realistisch ist
Setzen Sie kein Ziel von hundert Prozent. Realistisch ist: Die häufigsten Fragen werden zuverlässig mit Quelle beantwortet, ein Teil wird korrekt weitergeleitet, und ein kleiner Teil bleibt unbeantwortet.
Das ist ein gutes Ergebnis, wenn die Fehlerart stimmt: Lieber keine Antwort als eine falsche. Diese Priorität muss man beim Bauen setzen, denn Modelle neigen von sich aus zur anderen.
Was die gestellten Fragen verraten
Die Auswertung der Fragen ist der unterschätzte Teil des Nutzens. Nicht wer gefragt hat — sondern was, wie oft und in welcher Formulierung.
Häufige Fragen zu einer Regelung heißen: Die Regelung ist unklar geschrieben. Fragen, die der Assistent nicht beantworten kann, heißen: Hier fehlt ein Dokument oder eine Fassung. Wiederkehrende Fragen zum selben Vorgang heißen: Der Prozess ist nicht erklärt, sondern nur vorhanden.
Wir haben in Projekten erlebt, dass diese Liste mehr verändert hat als der Assistent selbst — weil sie zeigt, welche drei Texte man neu schreiben muss, damit ein Viertel der Anfragen verschwindet.
