1. September 2026 · Morten Babakhani
Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz gilt seit Juni 2025 für viele digitale Angebote an Verbraucher. Ob ein Bewerberportal darunterfällt, ist im Einzelfall zu prüfen; im öffentlichen Sektor gilt über BGG und BITV 2.0 ohnehin ein eigener Maßstab. Unabhängig von der Einordnung gilt: Ein Portal, das mit Tastatur nicht bedienbar ist, schließt Menschen aus, die sich bewerben wollen.
Die vier Stellen, an denen es praktisch bricht
Der Datei-Upload. Fast jedes Bewerberportal verlangt einen Upload. Selbst gebaute Drag-and-drop-Felder sind häufig nicht fokussierbar, melden Fehler nur farbig und kommunizieren den Ladezustand nicht. Ein Screenreader sagt dann: nichts.
Mehrstufige Formulare. Der Fortschritt steht als Grafik da, Pflichtfelder werden erst beim Absenden geprüft, und der Fokus springt nach dem Fehler zurück an den Seitenanfang. Damit wird ein zehnminütiges Formular zu einer halben Stunde.
Zeitlimits. Sitzungen laufen aus Sicherheitsgründen ab. Ohne Warnung und ohne Verlängerungsmöglichkeit verlieren Menschen, die langsamer tippen oder Hilfsmittel nutzen, ihre Eingaben.
PDF am Ende der Kette. Der Prozess ist barrierefrei, das erzeugte Vertragsdokument ist ein gescanntes Bild. Damit ist der letzte Schritt der unzugänglichste.
Was im Standard einer HR-Suite schon steckt
Die großen HR-Suiten haben in den letzten Jahren nachgezogen und liefern eigene Konformitätserklärungen mit. Verlassen Sie sich nicht darauf: Diese Erklärungen gelten für den Standard, nicht für Ihre Konfiguration. Sobald Sie eigene Felder, eigene Texte oder ein angepasstes Karriereportal einsetzen, gilt Ihre Umsetzung — nicht die des Herstellers.
Prüfen Sie deshalb genau die Teile, die Sie selbst verantworten: eigene Seiten, eigene Pflichttexte, eingebettete Fremdinhalte, individuelle E-Mail-Vorlagen.
Wie man es nachzieht, ohne das Projekt zu stoppen
Ein vollständiges Audit vor dem Rollout ist selten realistisch. Machbar ist ein Vorgehen in drei Schritten.
Erstens: Tastaturtest. Eine Person bedient den kompletten Bewerbungsweg ohne Maus. Was nicht erreichbar ist, ist ein Fehler mit Priorität, kein Verbesserungsvorschlag.
Zweitens: Fehlermeldungen. Jede Validierung muss den Fehler benennen, das Feld benennen und den Fokus dorthin setzen. Das ist überschaubarer Aufwand mit der größten Wirkung.
Drittens: Dokumente. Sorgen Sie dafür, dass generierte Dokumente Text enthalten, nicht Bild. Das hilft zugleich der Volltextsuche in der Personalakte.
Warum sich der Aufwand auch ohne Pflicht rechnet
Barrierefreie Formulare sind robustere Formulare. Sie funktionieren auf schlechten Verbindungen, mit alten Browsern in Werkshallen und mit Screenreadern — und sie erzeugen weniger Rückfragen im Service. Wir haben in Projekten öfter erlebt, dass die Barrierefreiheitsrunde Fehler aufdeckt, die alle Nutzer betrafen, nur eben leiser.
Wie man es im Einkauf verankert
Nach dem Rollout ist Barrierefreiheit eine Kulanzfrage. Vorher ist sie eine Vertragsfrage — mit vier Punkten, die in die Ausschreibung gehören.
Erstens die Konformitätsstufe, benannt mit Norm und Version, nicht als „barrierefrei”. Zweitens eine Konformitätserklärung für genau die Version, die Sie einsetzen, nicht für den Standard des Herstellers. Drittens eine Frist für die Nachbesserung erkannter Mängel. Viertens das Recht, selbst zu prüfen oder prüfen zu lassen.
Diese vier Sätze kosten in der Verhandlung wenig und ersparen die Diskussion, ob ein unbedienbares Upload-Feld ein Mangel oder ein Änderungswunsch ist.
